Beitrag: Kiews Sprachenpolitik hat die Krise in der Ukraine befeuert

von Stefan Mann

Neben allen geo- und internationalpolitischen Problemen, die zu der Krise in der Ukraine geführt haben, war es auch die Innenpolitik, die den Konflikt verursacht hat. Konkret hat die Sprachenpolitik der Kiewer Regierung vor und nach der Revolution eine wichtige Rolle gespielt.

Selbstverständlich gibt es mehrere Gründe für die Krise in der Ukraine und man kann sie nicht auf einen einzigen Grund reduzieren. Eine besonders wichtige Rolle spielen natürlich geopolitische Fragen. Meiner Überzeugung nach ist es aber auch Innenpolitik in der Ukraine, die zu der Entstehung des Konfliktes beigetragen hat. Konkret meine ich die Sprachenpolitik der Kiewer Regierung. Die Hälfte der Bevölkerung in der Ukraine spricht Russisch und trotzdem ist die Sprache seit der Unabhängigkeit der Ukraine nie eine der offiziellen Sprachen gewesen. Die Gesetzeslage spiegelte damit die reelle Situation einfach nicht wieder: während die Menschen miteinander in allen Großstädten Russisch sprachen (und auch weiterhin sprechen), erfolgt die offizielle und schriftliche Kommunikation auf Ukrainisch. Das hat mehrere Konsequenzen für die russischsprachige Bevölkerung gehabt.

Zu einem konnten diese Menschen keinen Zugang zu Stellen im öffentlichen Dienst, d.h. in   Administration und Verwaltung, bekommen. Viel schlimmer noch finde ich, dass die Russischsprachigen, die sich an den öffentlichen Dienst wenden wollten, auch selbst eine Übersetzung ihrer Unterlagen bezahlen mussten. Sogar in Israel, das eine längere und schwierigere Geschichte mit den arabischen Ländern hat, als es der Fall zwischen der Ukraine und Russland ist, ist eine der offiziellen staatlichen Sprachen Arabisch. Alle Palästinenser, die in Israel leben, haben damit die Möglichkeit ohne zusätzlichen Kosten ihre schriftliche Kommunikation mit dem Staat zu erledigen. In der Ukraine hingegen muss die russischsprachige Bevölkerung selbst Übersetzer bezahlen.

Zu anderem bedeutete diese engstirnige Sprachenpolitik eine Einschränkung der akademischen Tätigkeit. Die Ausbildungssprache in der Sowjetunion war Russisch, und die Akademiker, die besser gebildeten Leute in der Ukraine werden wohl vorwiegend Russisch gesprochen haben. Mit dem sprachlichen Nationalismus, der sich in der Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion entwickelt hatte, wurde diesen Menschen den Zugang zu besserbezahlten Jobs erschwert und womöglich ein Karriereaufstieg nicht einfach gemacht. Man kann auch vermuten, dass es für russischsprachige Wissenschaftler in der Ukraine schwer war, ihre Artikel zu veröffentlichen, unter anderem, weil es auf Ukrainisch wohl nicht einmal alle nötigen wissenschaftlichen Begriffe gibt.

Auch in den Medien war und bleibt es schwer für die Russischsprachigen Karriere zu machen. Sie hatten keinen Zugang zu großen Medien, denn die sendeten und druckten auf Ukrainisch. Es bedeutete übrigens auch für die Konsumenten, dass sie keinen Zugang zu der gesamten Meinungspalette hatten. Was das für Demokratie und Meinungsfreiheit- und Vielfalt bedeuten soll, wird wohl allen klar sein. Man müsste es sich genauer anschauen, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass auch die russischsprachigen Medien nicht gleich wie die ukrainischsprachigen finanziert wurden. Unter Umständen könnte das bedeuten, dass die russischsprachigen Medien aus Russland finanziert wurden.

Aber alle diese rationalen Argumente verblassen, wenn man bedenkt, wie demütigend es wohl sein muss im eigenen Land seine Muttersprache nicht sprechen zu können. In Deutschland gibt es auch Minderheiten, deren Sprachen – auch wenn im sehr geringen Maße – gefördert werden. Klar, spricht man nicht überall in Deutschland Friesisch, Dänisch oder Sorbisch, aber diese Gruppen machen ja auch nicht die Hälfte der Bevölkerung aus. Tragisch finde ich die Tatsache, dass auch der angeblich demokratischen Revolution und dem Umsturz der Regierung an die Macht noch schlimmere Nationalisten kamen, als es schon ohnehin der Fall war. Da die Sprachenpolitik und viele andere identitätsstiftende Politiken verschärft wurden, sah die Bevölkerung im Osten des Landes es nicht mehr ein, sich von der nationalistischen Kiewer Regierung die Spielregeln diktieren zu lassen und rebellierte.

 

Stefan Mann ist Elektroingenieur und interessierte sich für Russland und die Ukraine schon bevor der Konflikt ausbrach.

Ein Gedanke zu “Beitrag: Kiews Sprachenpolitik hat die Krise in der Ukraine befeuert

  1. Nikolaus Twickel sagt:

    Grundsätzlich stimme ich dem Autor zu. Aber er macht auch grobe Schnitzer, etwa wenn er schreibt dass der Euromaidan „noch schlimmere Nationalisten“ an die Macht brachte. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendjemand die Janukowitsch-Regierung jemals als nationalistisch bezeichnet hat. Und dann das hier: „Man kann auch vermuten, dass es für russischsprachige Wissenschaftler in der Ukraine schwer war, ihre Artikel zu veröffentlichen, unter anderem, weil es auf Ukrainisch wohl nicht einmal alle nötigen wissenschaftlichen Begriffe gibt.“ Blanker Unsinn. Wortschatz kann kein Hindernisgrund sein, in einer beliebigen Sprache zu publizieren. Wenn Fachbegriffe fehlen, muss man sich eben bei anderen Sprachen bedienen (das heißt dann Fremdwort), oder neue Wörter schaffen. Nur so schaffen es ja auch alle Sprachen, technische Neuerungen aufzunehmen. Für „Auto“ gab es früher kein Wort, weil es keine Autos gab. Es käme doch niemanden in den Sinn, die eigene Sprache aufzugeben, weil es da noch kein Wort für, sagen wir, Hip-Hop gibt!

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